Auch wenn gern von Alemannen- oder Schwabenkorn die Rede ist, so ist Dinkel als eine besondere Kulturform des Weizens kei­neswegs eine (süd-)deutsche Spezialität. Die frühesten Funde von Dinkelähren sind über 7000 Jahre alt und stammen aus Siedlungen im Kaukasus. Bereits die Kelten und die alten Ägyp­ter bauten Dinkel an und als Hauptbrotgetreide wurde es auch im Alten Testament gelobt. Durch Bodenfunde weiß man zu­dem, dass es um 1000 v. Chr. in Mittel- und Nordeuropa weit verbreitet war und auch in Deutschland angebaut wurde. Zum Brotgetreide des deutschen Südwestens schlechthin wurde der Dinkel im 2. Jahrhundert n. Chr. durch die Alemannen. Im Mit­telalter baute man Dinkel in weiten Teilen der Schweiz, in Tirol, Mittelfranken und Baden-Württemberg an. Damit gehört Din­kel zu den ältesten Getreidearten, die im süddeutschen Raum gepflegt wurden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hat man den Dinkel in Mitteleuropa in größeren Mengen angebaut —zum Brotbacken, Kochen und wahrscheinlich auch zum Bier­brauen.

Das robuste, selbst auf schlechtem Boden und bei ungünstigem Klima wachsende, extrem genügsame und wetterharte Getrei­de säten die Bauern in kargen, unwirtschaftlichen Gegenden. Mit seinem weit verzweigten Wurzelwerk gedeiht der Dinkel nämlich auch in Höhenlagen, in denen der Weizen nicht mehr wächst. Und noch ein Pluspunkt spricht für ihn: Die Wurzeln des Dinkels nehmen Stickstoff aus dem Boden auf, sodass die Pflan­ze kaum Zusatzdüngung braucht. Der Anbau ist daher auch in Wasserschutzgebieten möglich, denn zu einer Grundwasser-gefährdung durch Nitrat aus Düngemitteln kommt es durch Dinkel-Äcker nicht.

Darüber hinaus ist das Getreide mit besonders vielen Mineral­stoffen, Vitaminen und Ballaststoffen ausgestattet — teilweise sogar mehr als der beste Weizen. Bereits im frühen Mittelalter wusste man um Dinkel als Nahrungs- und Heilmittel. Die Bene­diktinernonne und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098­1179) beispielsweise bleibt nicht nur als bedeutende Universal­gelehrte im Gedächtnis, sondern auch als Befürworterin des Dinkels. Sie wurde nicht müde, den Dinkel als ideale Nahrung anzupreisen: „Dinkel ist das beste Getreidekorn, es wirkt wär­mend und fettend, ist hochwertig und gelinder als alle anderen Getreidekörner. Wer Dinkel isst, bildet gutes Fleisch.“

Die Zahlen sprechen für sich: Noch im 19. Jahrhundert war der Dinkel mit Abstand die wichtigste Getreideart für die menschliche Ernährung im schwäbischen Sprachraum überhaupt, wo­hingegen der Weizen seinerzeit mit 1,72% der Anbaufläche noch vergleichsweise bedeutungslos war. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die alten Getreidesorten verstärkt von anderen, ertragreicheren Züchtungen verdrängt, vor allem vom Weizen. Als Hauptbrotgetreide Nr. 1 löste dieser den Dinkel dagegen erst in den 1920er-Jahren ab. Nachteilig beim Dinkel sind die langen Halme, die zu hoher Lageranfällig­keit führen, das heißt, der Halm hat insbesondere bei starkem Regen und Sturm die Neigung, auf den Boden umzuknicken.

Die Spindelbrüchigkeit und die Tatsache, dass zur Entfernung der Spelzen ein zusätzlicher Arbeitsgang notwendig ist, waren weitere Gründe dafür, dass Mitte des vorigen Jahrhunderts im süddeutschen Raum ein Rückgang des Dinkelanbaues einsetzte. Erst in den 1980er-Jahren wurden Dinkel und vor allem der un­reif geerntete Dinkel, Grünkern, wieder verstärkt ins Gespräch gebracht.