REICHELSHEIM – Große graue Trichter münden in Walzenstühle, deren Inneres von feinem Mehlstaub bedeckt ist. Weizen wird hier gemahlen, Roggen, Hafer, Dinkel. In einigen Monaten werden zwei seltene Getreidearten dazukommen: Dann werden in der Herrnmühle in Reichelsheim auch Einkorn und Emmer verarbeitet.

Dinkel ist das bekannteste Urgetreide, Einkorn und Emmer dagegen sind fast ganz von den Feldern und aus dem Bewusstsein verschwunden. Jetzt aber bauen Landwirte die Arten auf insgesamt zehn Hektar in den Kreisen Darmstadt-Dieburg, Odenwald und Bergstraße wieder an. Die Herrnmühle macht Mehl daraus, 13 Bäcker verarbeiten es zu Brot und anderem Backwerk. Ein Name ist auch schon gefunden: „Nibelungenkorn“, ganz zur Region passend, die mit Nibelungensteig und Siegfriedbrunnen wirbt.

 Die Idee haben Müller Rainer Feick und Silke Reimund entwickelt, die bei der Arbeitsgemeinschaft Gewässerschutz und Landwirtschaft arbeitet. Aus Sicht des Wasserschutzes liegen die Vorteile auf der Hand: „Das sind Getreidearten, die wenig gedüngt werden müssen“, sagt Reimund. Und also auch die Flüsse und Bäche wenig belasten. Zu den Anbaukriterien gehören: kein Einsatz von Glyphosat, Verzicht auf Bioabfallkompost und Klärschlamm und die Dokumentation des Einsatzes von Dünger und Pflanzenschutzmitteln.

Aber was interessiert Bauern, Bäcker und Müller an dem Projekt? Schließlich bleibt der Ertrag des Urgetreides weit unter dem anderer Getreide wie Weizen. Von einem Viertel bis einem Drittel weniger gehen Jürgen Albrecht aus Groß-Bieberau und Andreas Flath aus Höchst aus. Zudem ist das Saatgut auch noch doppelt so teuer. Höhere Kosten, geringerer Ertrag: Das klingt nicht nach einer ökonomisch sinnvollen Unternehmung.

Aber die Teilnehmer des Projekts kalkulieren anders. Die Urgetreide kämen mit den kargen Buntsandstein- und Granitböden der Region besser zurecht als andere Pflanzen, lautet ein Argument. Sie vertrügen raues Wetter besser und seien resistenter gegen Schädlinge und Pilze. Außerdem seien höhere Preise zu erzielen – sowohl für Getreide und Mehl als auch für Brot und Brötchen. Das ist nicht die einzige Motivation. Müller Rainer Feick bringt die Idee auf den Punkt: „Wir müssen etwas Besonderes machen, was aus dem Odenwald kommt.“ Das „Nibelungenkorn“ soll zu einer Regionalmarke werden, die auch das Gespür für den Wert von Lebensmitteln weckt und regionale Anbieter stärkt.

Dinkel sei jetzt schon „ein boomendes Getreide“ in einer Zeit, in der immer mehr Menschen glauben, Weizen schlecht zu vertragen, sagt etwa Georg Schellhaas, der eine Bäckerei in Groß-Bieberau und etliche Filialen in der Region betreibt. Sein Kollege Burkhard Horn aus Fränkisch-Crumbach ergänzt: „Ich will meine Rohstoffe in der Nähe einkaufen.“ Und ein Kunde, der wegen des regionalen Einkorn-Brotes in den Laden kommt, nimmt vielleicht gleich den Kuchen fürs Wochenende mit.

Auch mancher Landwirt hofft, sich ein weiteres Standbein schaffen zu können, wenn das Nischenprodukt Erfolg hat. Der Höchster Flath zum Beispiel hält auch Milchkühe. „Wissen Sie, was wir zurzeit für einen Liter Milch bekommen? 26 Cent.“ Bei solchen Dumpingpreisen liegt der Gedanke an eine zusätzliche Einkommensquelle nah.

Horn hat schon Erfolg mit einem Brot, in dem er Emmer verarbeitet. Das Kilogramm kostet 4,25 Euro – viel mehr als der Weizenlaib für 2,30 Euro. Das Brot ist trotzdem gefragt.

DAS PROJEKT